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5. Unsere Besuche - Im Altersheim und auf der Geriatrie
5.1 Haus der Senioren Kuchl
Am 14.12.2011 fuhren wir nach Kuchl ins Altenwohnheim. Ermöglicht wurde uns dieser Besuch durch Frau Dr. Helga Schloffer, mit der wir einige Tage zuvor den Workshop „Demenz verstehen“ gehabt hatten. Frau Dr. Schloffer ist neben ihren anderen Beschäftigungen im Altenwohnheim Kuchl als Beraterin für BewohnerInnen und MitarbeiterInnen tätig. Durch ihre Arbeit als Geronto- und Gedächtnispsychologin beschäftigt sie sich intensiv mit AlzheimerpatientInnen und ist eine echte Expertin. Durch sie bekamen wir also die Chance, einen Nachmittag mit den BewohnerInnen des Senioren-Wohnheims zu verbringen. So konnten wir den Alltag der PatientInnen und des Pflegepersonals ein Stück näher kennen lernen.
Eröffnet wurde unser Besuch von einer „Anklöpfelgruppe“, die für eine gelockerte Stimmung und ein vorweihnachtliches Flair sorgen sollte. Die „Ursprunger Anklöpfler“ hatten einige alte Weisen in ihrem Repertoire, so dass es später kein Problem war, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Die HeimbewohnerInnen erkannten die Lieder und sangen gerne mit. Manche erzählten uns später, wie sie selbst in früheren Jahren die Lieder gelernt und gesungen hatten. Trotz aller vorweihnachtlichen Gemütlichkeit durften wir aber natürlich unsere Aufgabe nicht aus den Augen verlieren: Wir sollten versuchen, mit den Bewohnern Kontakt aufzunehmen ohne natürlich zu wissen, ob sie an einer Demenz leiden. In einer Nachbesprechung sollten wir später unsere Erkenntnisse analysieren und diskutieren.
Nun konnten wir unser Wissen über den Umgang mit demenzkranken Personen endlich in der Praxis anwenden – eine spannende Herausforderung. Die erste Hürde war es, einen Zugang zu den Menschen zu finden. Wie sollten wir auf sie zugehen, um mit ihnen in ein längeres Gespräch zu kommen? Wie gesagt hatten die „Ursprunger Anklöpfler“ bereits vorgearbeitet. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und die BewohnerInnen freuten sich durchwegs über die Gelegenheit, ein bisschen mit der jüngeren Generation zu plaudern. Manche Erzählerinnen und Erzähler waren so hingebungsvoll, dass wir uns richtig in der Zeit zurück versetzt fühlten.
So erzählte uns zum Beispiel eine Dame von der Zeit ihrer Schneiderlehre als junges Mädchen. Da habe es eines Tages im Winter einen eisigen Sturm gegeben, und sie habe dennoch ins Dorf gehen müssen. Um aber von zu Hause ins Dorf zu gelangen, sei sie gezwungen gewesen, einen Umweg von zwei Kilometern zu nehmen, weil sie sonst den Fluss nicht überqueren hätte können. Sie sei dann völlig durchfroren in der Schneiderwerkstatt angekommen und sei dennoch bestraft worden – weil sie zu spät gekommen war. Das seien noch andere Zeiten gewesen, in denen auch zum Beispiel an einen Lohn nicht zu denken gewesen sei. Vielmehr hätten die Eltern für die Lehre bezahlen müssen. Bei dieser Dame war uns sofort klar, dass sie nicht unter Demenz leiden konnte, so detailliert wie sie erzählte, so enthusiastisch wie sie sprach.
Bei einer weiteren Dame sah es da anders aus. Sie beschäftigte sich mit ihrem kleinen Stoffhund „Rolfi“. Von einer Pflegerin erfuhren wir, dass dieser Stoffhund für sie ein ständiger Begleiter war, den sie für real ansah. Man erzählte uns, dass sie in früheren Zeiten tatsächlich einen Hund namens Rolfi gehabt hatte, der für sie sehr wichtig gewesen war. Während wir uns mit ihr unterhielten, erzählte sie uns voller Begeisterung Geschichten über ihren Hund, wobei sie sehr glücklich wirkte.
Unser Mitschüler Peter hatte zum Beispiel einen über 90-jährigen als Gesprächspartner, mit dem das Gespräch zwar sehr interessant war, aber auch ein wenig mühselig, weil der Mann recht schwache Augen und Ohren hatte, wodurch Peter sehr laut mit ihm sprechen musste. Herr S. erzählte immer und immer wieder von seiner sportlichen Jugend. Wenngleich das Gespräch teilweise recht verwirrend war, so konnte Peter seinen Erzählungen entnehmen, dass Herr S. sogar ein guter Leistungssportler gewesen war. Der Sport sei jedoch immer nur sein Hobby geblieben, sein Leben sei der Journalismus gewesen. Viele Fragen blieben unbeantwortet, da Herr S. meist selbst bestimmte, wovon er gerade berichten wollte – was er übrigens sehr redegewandt und humorvoll tat. Unter anderem erzählte er zum Beispiel, dass er aufgrund des vielen Trainings für den Leistungssport kaum Zeit für Frauen gehabt hatte. Als der Mann auf die hübsche junge Pflegerin hingewiesen wurde, bemerkte er, dass er „alter Strudler“ mit den Damen früher immer „gleich auf“ gewesen sei. Jetzt „krieche“ er jedoch nur mehr „hinten nach“ und müsse „den Jungen das Feld überlassen“.
Sollten das Nichtbeachten seiner Fragen und die teilweise verwirrenden Aussagen von Herrn S. eher auf dessen Schwerhörigkeit zurück zuführen sein oder auf eine beginnende Demenz?
Während die meisten von uns Gespräche führten, passierte unserer Fotografin Eva Schitter etwas sehr Seltsames: Eine recht temperamentvolle alte Dame wollte ihr die Kamera entreißen. Sie zerrte richtiggehend am Halsgurt und wollte unsere arme Eva nicht mehr loslassen. Diese war natürlich ziemlich perplex und wusste nicht recht, was sie tun sollte. Weder konnte sie versuchen, die alte Dame einfach wegzustoßen, noch erschien es ihr als gute Lösung, sich die Kamera wegnehmen zu lassen. Schließlich eilte eine Pflegerin zu Hilfe und mit vereinten Kräften wurde versucht, die Umklammerung vorsichtig zu lösen. Das Ziel war, der alten Dame verständlich zu machen, dass sie nicht fotografiert werde, wenn sie es nicht wollte. Letztendlich konnte man sie beruhigen.
Der Nachmittag im Altenwohnheim war für uns sehr lehrreich, interessant und auch witzig. Die Eindrücke, die wir sammeln durften, waren überwältigend. Es war toll, sich mit Menschen der älteren Generation zu unterhalten und deren Meinung zur heutigen Welt zu hören. Es war sehr interessant, die unterschiedlichen Charaktere von alten Menschen kennenzulernen. Nur wenigen war es zu viel Trubel, die meisten BewohnerInnen freuten sich über unser Kommen. Im Hinblick auf unsere Aufgabe stellten wir fest: Wenn man sich länger mit einer Person beschäftigt, bemerkt man sehr rasch, in welchem Stadium sie sich befindet. Wir sind sicherlich durch diese Erfahrungen gewachsen und konnten aus diesem Nachmittag einiges für unser eigenes Leben und unsere Zukunft mitnehmen.
Wir möchten an dieser Stelle den Pflegerinnen und Pflegern des Altenwohnheims Kuchl unsere Anerkennung und unseren Dank aussprechen. Wir bedanken uns sehr herzlich für die nette Aufnahme und das gemütliche Miteinander. Ein großes Dankeschön gilt auch Frau Dr. Schloffer, die uns den Besuch ermöglicht hat.
5.2 Universitätsklinik für Geriatrie
Zu Beginn unseres Besuches in der Christian-Doppler-Klinik bekamen wir eine kleine Einführung in den Alltag des Pflegepersonals und durften noch offene Fragen zur Krankheit Alzheimer stellen. Unsere Ansprechpartner waren Univ.-Prof. Dr. Bernhard Igelseder, Mag. Andreas Kaiser, Mag. Renate Gusner-Pfeiffer und das Pflegeteam der Geriatrie.
Nach der Begrüßung wurden wir in vier Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe sollte mit den männlichen Patienten sprechen, die zweite Gruppe mit den weiblichen. Die beiden anderen Gruppen wurden unterdessen über das Testverfahren aufgeklärt, mit dem Alzheimer festgestellt wird.
Der Weg zu den weiblichen Patientinnen führte uns ins Obergeschoss. Auf dem Weg erzählten uns Univ.-Prof. Dr. Bernhard Igelseder und eine Pflegerin, dass versucht werde, immer dieselben BetreuerInnen für die PatientInnen bereitzustellen, da diese mit Veränderungen oft Schwierigkeiten hätten. Dann bekamen wir zufällig ein Gespräch zwischen einer Betreuerin und einer älteren Dame im Rollstuhl mit. Die ältere Dame behauptete: „Ich muss nach Hause! Mein Sohn braucht mich! Er holt mich gleich ab!“ Später erfuhren wir, dass der besagte Sohn im Ausland lebt.
Gemeinsam mit dieser Dame gingen wir in ein größeres Nebenzimmer, wo wir auf drei weitere Frauen in einem Sesselkreis trafen. Unterstützt von der Pflegerin unterhielten wir uns nun mit der Frau im Rollstuhl über ihre Vergangenheit. Im Zuge unserer Gespräche erinnerten wir die ältere Patientin im Rollstuhl an ihren Job als Kinderbetreuerin, wodurch sie die Angelegenheit mit ihrem Sohn zu vergessen schien. Sie erzählte schließlich fast weinend von dieser Zeit und davon, welche Freude ihr Kinder bereiteten.
Eine andere Dame in der Runde zeigte sich als sehr angetan davon, dass ihr Sohn den schwierigen Beruf des Richters ausübte. Uns fiel auf, dass die Damen oft quer durcheinander ihre je eigenen Geschichten erzählten, ohne auf das Gesprächsthema der anderen einzugehen. Sobald es zu sehr durcheinander ging, ordnete die Pflegerin gekonnt mit einer neuen Frage das Gespräch.
Zuletzt fragte die Pflegerin in die Damenrunde, welche Weisheiten man uns Schülerinnen und Schülern auf den Weg mitgeben könne. Ohne lange nachzudenken, meinte eine Dame: „Nicht den gleichen lieben, das ist nicht gut. Das gibt nur Streit. Nicht den gleichen lieben!“ Nach einer 20-minütigen Gesprächszeit verabschiedeten wir uns. Eine der Frauen wünschte uns alles Gute für die Zukunft und fragte uns: „Kommt ihr mich wieder einmal besuchen? Es war sehr schön mit euch!“
Draußen besprachen wir die neu gewonnenen Erfahrungen. Wir äußerten unsere Bewunderung für das Feingefühl und Geschick der BetreuerInnen. Diese erklärten uns, dass jede Damenrunde eine „Chefin“ habe, wobei meist eine sehr gesprächige und dominante Frau gewählt werde. Die „Chefin“ eröffne die Gesprächsrunde und spreche auch die Schlussworte. Trotzdem sei es notwendig, dass die BetreuerInnen sich am Gespräch beteiligen und immer wieder neue Fragen stellen. Alleine seien die Damen nicht in der Lage, das Gespräch aufrechtzuerhalten.
Die männlichen Patienten befanden sich im benachbarten Trakt. Dort trafen wir auf Herrn G., der uns sehr viel von seiner Jugend berichtete, weshalb wir ihn zunächst für recht „gesund“ einschätzten. Er erzählte uns von seinem Berufsleben, seiner Familie und seinen Hobbys. Doch nach fünf Minuten verschwand seine Aufmerksamkeit und er bestand darauf, den Raum zu verlassen. Nach einiger Zeit fing er an, uns als Lügner zu beschimpfen und warf uns vor, wir hätten seinen Schnupftabak gestohlen. Schließlich schimpfte er darüber, wie verlogen die Jugend von heute generell sei. Die Ärzte erklärten uns, dass wir die Anschuldigungen von Herrn G. nicht persönlich zu nehmen brauchten und dass dies keine ungewöhnliche Erscheinung sei. Das beruhigte uns ein bisschen. Ein anderer Mann aus der Runde brachte uns dafür ein bisschen zum Schmunzeln, als er vermutete, im Wirtshaus zu sein, so viele neue Gesichter würden ihm vorgestellt.
Den genauen Ablauf des Alzheimer-Testverfahrens brachten uns Mag. Renate Gusner-Pfeiffer und Mag. Andreas Kaiser näher. Sie erklärten uns die Testfragen und erzählten, welche skurrilen Antworten demenzkranke Personen mitunter geben würden. Man erzählte uns, dass erkrankte Personen mitunter die Jahreszeit vergessen würden und dass es vorkomme, dass selbst die einfachsten Bilder nicht mehr erkannt werden. Das brachte uns als Jugendliche natürlich an den Rand unserer Vorstellungskraft.
Der Nachmittag in der Christian-Doppler-Klinik war für uns alle sehr lehr- und aufschlussreich. Einen besonderen Dank möchten wir Univ.-Prof. Dr. Iglseder und seinem Team aussprechen, weil sie für uns diesen Besuch und damit großartige Einblicke in die Geriatrie arrangiert haben. Vielen Dank!