Was bewegt SchülerInnen dazu, bei einem Projekt wie "Geschmäcker sind verschieden – Gene auch!" mitzumachen?

Es ist sehr spannend, auf wissenschaftliche Weise Dinge zu ergründen oder mitunter sogar neu zu "erfinden". Für uns alle war das etwas, was wir in dieser Form noch nicht erlebt hatten. Man kann sozusagen dem Schulalltag entfliehen und sich in die Gen- und Biotechnologie stürzen. Jedes Teammitglied kann die eigenen Ideen und Vorstellungen einbringen und umsetzen.

Bei all dieser grundsätzlichen Faszination für die Wissenschaft war das Projektthema das i-Tüpfelchen: Warum hat jeder ein anderes Geschmacksempfinden, ob das etwas mit den Genen zu tun hat? Die Reaktionen der Menschen beim Kosten unserer verschiedenen Bitterstofflösungen bleiben unvergesslich: Der eine verzog schon bei geringsten Konzentrationen des Test-Bitterstoffes angeekelt das Gesicht, während die andere daneben eine 100-mal höhere Konzentration probierte und rein gar nichts schmeckte. Auch die anschließenden kniffligen Analysen im Labor: sensationell. Wir konnten mit einer High-Tech-Ausrüstung arbeiten, die SchülerInnen normalerweise eher schwer zugänglich sein dürfte. Sehr faszinierend war der Weg zuerst von der Speichelprobe zur DNA und dann das Aufspüren der Punktmutationen im Hightech-Labor der Schule mittels DNA-Sonden und qPCR. Wir analysierten je drei Punktmutationen (sogenannte SNPs) auf einem Gen, das für das Geschmacksempfinden von Bitternis mit zuständig ist – und das bei über 400 (!) menschlichen DNA Proben. Konnte man nun diese Analysen mit dem Geschmacksempfinden der Versuchspersonen verknüpfen, denen wir den Süßstoff Stevia und die Apfelbeere (Aronia) zum Probieren gaben? Top-motiviert und mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen stürzten wir uns in die Arbeit.

 

Ein Teil des Projektes war es, eigene Rezepte für unsere Versuchsreihen zu entwickeln – und wir hätten nicht geglaubt, was dabei alles schiefgehen kann. Es brauchte einige Anläufe, bis wir stolz unsere hauseigenen Produkte verkosten lassen konnten. In der Zwischenzeit gibt es aber sogar schon einige Anfragen für unsere Rezepte: Die Kombination zweier "Wunderpflanzen" – der gesunden, aber bitteren Aronia mit dem kalorienfreien, natürlichen Süßstoff der Steviapflanze – trifft genau die Ansprüche des modernen und gesundheitsbewussten Menschen.

Wir hatten im Team das Gefühl, etwas Großes zu schaffen. Viele von uns wuchsen über sich hinaus. Die gegenseitige Anerkennung der Arbeit motivierte, das gemeinsame Ziel spornte auch bei Durchhängern immer wieder an.

Was bringt unser Projekt der Wirtschaft oder der Gesellschaft?

Der Gedanke ist faszinierend und unheimlich zugleich: in den Genen nachzuschauen, ob jemandem ein Lebensmittel schmecken wird oder nicht. Wir befinden uns am Ende eines Jahrzehnts, wo die komplette Sequenzierung von menschlicher DNA sehr schnell und kostengünstig geworden ist. Das 1000-Genome-Projekt ist fast fertiggestellt (siehe Kasten). In absehbarer Zeit könnte es für Lebensmittelhersteller möglich sein, bereits im Vorfeld zu kalkulieren, welchem Prozentteil der Bevölkerung ein Produkt schmecken wird. Man könnte gezielt Geschmackstoffe auswählen, die zum Genotyp der Zielgruppe passen. Schräg ist die Vorstellung von "Design-Aromen", die genau auf die Geschmacksrezeptoren auf der Zunge zugeschnitten sind. Ob dies wünschenswert ist, sei dahingestellt, jedenfalls gibt es schon Biotech-Firmen, die genau in diesem Bereich forschen. So sucht man z.B. Bitterstoffhemmer für künstliche Süßstoffe und arbeitet an Aromastoffen, die uns vorgaukeln können, Zucker zu sein, weil sie auf dieselben Geschmacksrezeptoren wie dieser passen.

Das eigene Erbgut ist ja wohl das Privateste, was es geben kann. Und doch ist dieser Umstand kaum jemandem bewusst. Das merkten wir bei unseren vielen Gesprächen mit den Menschen bei unserer Probensammlung. Wir beschlossen, dass unser Projekt auch mithelfen sollte, ein Bewusstsein für den Gen-Datenschutz zu schaffen. Einige in unserem Team wurden beinahe zu "Missionaren" in dieser Sache.

Das 1000-Genome-Projekt: Ende 2008 setzte es sich ein internationaler Verband von Wissenschaftlern zum Ziel, die Genome von rund 1000 Menschen aus aller Welt komplett zu sequenzieren. Das Projekt soll 2012 abgeschlossen sein, die Daten sollen dann der Forschung weltweit frei zugänglich gemacht werden. Bisher wurden rund 15 Mio. SNPs entdeckt.